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Am Ufer - 9. September - 1. Oktober 2011
Geöffnet: Mi - Fr 10 - 12 und 14 - 18 Uhr / Sa 10 - 16 Uhr

Ausgewählte Werke von Momar Seck, Nadja Athanasiou, Rittiner & Gomez, Norma Vila Rivero, Carola Cintrón Moscoso und Richard Zangger, eigenwillig kombiniert mit Shoowa-Webmatten, leuchtenden Fischernetzen und Adele Bachmanns thematischen Wohninsel.

Alle Werke haben eine haptische Qualität, die sich nur beim Besuch der Ausstellung erschliesst!


Werkgruppe (Bilder und Skulpturen) von Momar Seck
Momar Seck, 1969 in Dakar, Senegal geboren, lebt in Genf. Seine Werke verbinden aktuelle Themen und textile Traditionen aus afrikanischen und europäischen Kulturen. Die Werke sind gross wie ihr Erschaffer.
www.seck.ch

Grossformatige Fotografie von Nadja Athanasiou
Nadja Athanasiou, 1952 in Bern geboren, ist seit 1989 freischaffende Fotografin und lebt in Zürich. Eine ihrer zahlreichen Reisen führte sie auf der Suche nach Transitbildern an den Strand von Dakar, Senegal.
Weitere Informationen

Mischtechnik auf Holz, 20 x 20 cm

Bilder und Blogs von Rittiner & Gomez
Anton Rittiner, 1960 in Simplon Dorf geboren, nennt sich Bildermacher und arbeitet in Spiez. Gomez ist Rittiners fiktiver Atelierpartner, der besonders dann zum Zug kommt, wenn Anton nicht mehr weiter weiss. Gomez ist auf Isla Volante geboren - einer verkehrsfreien Insel mit literarischem Logbuch.
www.rittiner-gomez.ch | www.isla-volante.ch | Logbuch Isla Volante

Voller guter Absichten, 2011

Objekt von Norma Vila Rivero
Norma Vila Rivero ist 1982 in San Juan geboren und lebt in Caguas. In Puerto Rico ist sie als Künstlerin und freie Kuratorin bekannt und steuert zum zweiten Mal ein Werk fürs Peripher bei.
www.normavila.com

Ohne Titel (Sandkiste), 2008

Audioobjekt von Carola Cintrón Moscoso
Carola Cintrón Moscoso, 1974 auf der Karibikinsel Puerto Rico geboren, hat sich als Künstlerin und Professorin einen Namen gemacht. Ohr hinhalten und vom Meer träumen!
www.carolacintron.com

Richard Zanggers Fotoserie "il mare di Zurigo"
Der Schweizer Fotograf Richard Zangger, 1953 geboren, lebt in Italien und führt in den neusten Fotoarbeit seine alte und seine neue Heimat am Ufer zusammen.
www.richardzangger.com

Textiles Kunsthandwerk aus dem Gebiet des zentralafrikanischen Kongos
Die Zürcher Galerie WALU handelt seit 1957 mit afrikanischer Kunst. In ihrem Onlineshop führt WALU hunderte von Shoowa-Webmatten, auch Kuba-Textilien genannt. Im Peripher kann eine Auswahl aus der Nähe betrachtet und erworben werden.
www.shoowa.com

Showroomfoto: Martin Guggisberg

Lichtobjekt
Was macht die LED-Leuchte im Fischernetz? Die Idee stammt aus der Biscuitfabrik des Ateliers Zürich. Uns gefällt sie!
www.biscuitfabrik.ch


Bilder der Wohninsel folgen.

Siehe auch Agenda und Inventar


Text zur Ausstellung:

Don’t pay the ferryman!
Don’t even fix a price!
Don’t pay the ferryman
until he gets you to the other side. (1)

Am Ufer begegnen sich das Land und das Wasser. Der Himmel ist Zeuge. Wir sagen: Wer einen Neuanfang wagt, bricht zu neuen Ufern auf. Egal ob Meer, Fluss oder See, wer das Ufer land- oder wasserwärts verlässt, ist ein Getriebener der Hoffnung, des Glücks, der Trauer, der Ungewissheit, der Liebe, des Mutes, der Neugierde oder der Verzweiflung.

Unzählige Mythen, Legenden und Geschichten erzählen von den Dichotomien Leben und Tod, Krieg und Frieden, Armut und Reichtum und verknüpfen diese mit Ufermetaphern. Der Flüchtling und der Tourist besteigt die Fähre mit der Absicht, ans andere Ufer zu gelangen. Aber wie sicher kann er sein, dass er dort heil ankommen wird? Weshalb wird uns geraten, den Fährmann erst bei Ankunft zu bezahlen?

Jetzt, da der arabische Raum im Umbruch ist, Tumult in Nordafrika herrscht, laden sich Begriffe wie Meer, Horizont und Ufer erneut politisch auf: tobende Kräfte auf der einen Seite, neue Perspektiven und die Hoffnung auf Stabilität und Sicherheit auf der anderen . In Scharen strömen die Menschen an die Küste, gelangen übers Meer nach Europa, werden hier wie wertloses Strandgut behandelt, während europäische Touristen Muscheln aus dem Sand klauben und verträumt in die Ferne blicken. Gestrandete auf der Suche nach dem Glück.

Aber das Ufer ist nicht nur wirtschaftlich oder politisch besetzt. Hier sitzen wir und erholen uns, sehnen uns nach unseren Liebsten oder verbringen Zeit mit ihnen. Wehmütig erinnert sich Bob Dylan an idyllische Tage, an denen die Kinder im Sand spielten und er in den Himmel guckte. Doch dann ist der Strand verwaist, nur Seetang und Bruchstücke eines alten Schiffes sind geblieben. „Don’t ever leave me, don’t ever go.“

Der Senegalese Momar Seck hat die Küstenstadt Dakar vor Jahren verlassen und sich an den Gestaden des Genfersees angesiedelt. Am Anfang sind ihm Unterschiede aufgefallen, die sich rasch in Gemeinsamkeiten verwandelt haben: „In beiden Kulturen werden Kleidungsstücke am Körper festgemacht. Bloss, dass man dort Tücher und Knoten verwendet und hier Gürtel und Knöpfe.“ Solche alltägliche Elemente zieren deshalb auch seine „Fagots des forces de l’unité“, Skulpturen, die im Kern aus Holz bestehen und an Bündel aus Sammelholz erinnern. Auch in seinen Mischtechnikbildern sind Textilien auszumachen. „Was wir als typisch afrikanische Stoffe kennen, stammt eigentlich aus den Niederlanden und wird heute noch oft dort produziert.“ Senegal ist als Küstenland schon früh mit den positiven und negativen Auswirkungen weltweiten Handels in Berührung gekommen.

Nadja Athanasiou nimmt ihre zypriotisch-schweizerischen Wurzeln mit auf ihre ausgedehnten, fotografischen Reisen, die unweigerlich mit Aufbruch und Heimkehr verbunden sind. Die Serie „Passage“ führte sie auf der Suche nach „Transit-Bildern“ u. a. nach Senegal. Vom Strand von Dakar aus gelangt man zur Île de Gorée, die zur Verschiffung der Sklaven diente. Von hier aus kehrte kein Verschleppter an heimatliche Gestade zurück.

Der Rittiner Anton, der weit über dem Meeresspiegel aufgewachsen ist, hat den Gomez erfunden, der ihn mit seiner mediterranen Art aus der Reserve lockt. Elf Kinder waren sie zuhause und doch fühlte er sich oft einsam. Eine melancholische Stimmung geht auch von vielen seiner ausgestellten Bilder aus, die in den letzten vier Jahren entstanden sind und oft bretonische Szenen zeigen. An der französischen Atlantikküste hat er erlebt, wie sich das Meer bei Ebbe kilometerweit zurückziehen kann. Zurück bleibt ein von Abfällen übersäter, stark riechender schlammiger Grund und umgekippte Boote. Jedes Idyll hat eine Schattenseite. Dass die Bilder von rittiner & gomez, wie sich der Künstler offiziell nennt, literarische Qualitäten haben, wurde ihm bewusst, als er aufgefordert wurde, Mitglied von litblogs.net, dem Verzeichnis deutschsprachiger Literaturblogs zu werden.

Norma Vila Rivero und Carola Cintrón Moscoso blicken von den Ufern der amerikanischen Kolonie Puerto Rico auf den trennenden und verbindenden Atlantik hinaus und schaffen Werke, die Bezüge zur amerikanischen, europäischen und afrikanischen Kultur aufweisen.
     „Voller guter Absichten“ nennt Vila ihre Installation von präparierten und künstlichen Ködern, von denen ein sanfter Geruch ausgeht. Die Arbeit entstand, als sie sich mit dem Begriff „fiarse“, „sich auf jemanden verlassen, jemandem vertrauen“ auseinander setzte.
     Cintrón wollte wissen, wie es tönt, wenn man den Kopf in den Sand steckt. Dazu steckte sie ein Kontaktmikrofon in eine Flasche und vergrub diese im Sand. Die Aufnahmen, die hier ab einem MP3-Spieler aus einer Sandbox tönen, geben nicht Schall sondern Schwingung wieder, die am Ufer registriert werden können – be(un)ruhigend schön.

Peripher dankt der Galerie WALU, die exklusive Shoowa-Webmatten aus Zentralafrika zur Ausstellung beisteuert (siehe separaten Text). „Am Ufer“ wird durch ein maritimes Lichtobjekt aus der Biscuitfabrik (Fischernetz mit LED-Lampe) und durch Adele Bachmanns wie immer thematisch gestaltete Wohninsel ergänzt. Ausserdem führen wir einige Werke von Richard Zangger, die beweisen, dass Zürich doch am Meer liegt.

Lisa Ladner, San Juan im August und Zürich im September 2011

1 - Don’t Pay the Ferryman, The Getaway, 1982, Chris de Burgh
2 - Siehe Eingangszitat aus Chris de Burgh-Lied.
3 - Lesenswert: Die politische Metapher im Arabischen: Untersuchungen zu Semiotik und Symbolik der politischen Sprache am Beispiel Ägyptens, Ignacy Nasalski, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 2004
4 - Sara, Desire, 1976, www.bobdylan.com/songs/sara

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Shoowa-Matten – eine Währung aus der Region des Kongos

Wäre es nicht schön wenn man Banknoten selbst herstellen könnte? Bei den Shoowa im zentralen Afrika wird genau dies getan. Der Haken dabei: Die Herstellung eines „Scheines“ benötigt einen Monat und der Wert entspricht einem Monatslohn.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die kunstvollen Zahlungsmittel der Shoowa sind unvergleichlich schöner als Banknoten, und auf den Aufdruck „in God we trust“ können sie auch verzichten (früher stand übrigens auf dem US-Dollar an gleicher Stelle „Gegenwert in Gold auszahlbar“, aber das nur nebenbei).

Die Shoowa sind eine Ethnie im der Demokratischen Republik Kongo und gehörten einst einer politischen Konföderation an, die als Königreich Kuba in die Geschichte einging. Dieser politische Bund bestand vom 17. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als er unter dem Druck der belgischen Kolonialherrschaft zerbrach.

Berühmtheit erlangten die Shoowa jedoch vor allem durch ihre meisterhaften, weithin begehrten Gewebe. Solch Stoffe, die im Königreich Kongo als Zahlungsmittel dienten, fanden schon in portugiesischen Berichten aus dem 16. und 17. Jahrhundert Erwähnung. Gemeint waren rund 50 x 50 cm grosse Stoffe aus ausgefaserten Fiederblättern der Raphia-Palme. Sie werden noch heute von Männern gewebt und von Frauen in der besonderen Technik der Velours-Stickerei bestickt. Dabei werden die Fäden mit Hilfe einer Nadel zwischen Kett- und Schussfaden unverknotet eingepasst und dann auf beiden Seiten in einer Höhe von rund zwei Millimetern abgeschnitten. Die Raphia-Fasern werden vor dem Sticken mit Pflanzenfarben eingefärbt. Der in die Herstellung der Matten investierte Arbeitsaufwand stellt dabei einen fälschungssicheren Wert dar.

Gelangten die Webmatten erst über den 4700 Kilometer langen Kongo-Fluss an die Küste, trieb die Küstenbevölkerung einen lebhaften Handel: Die Portugiesen bezahlten die Stoffe mit Salz, Kaurischnecken und Perlen und tauschten sie weiter südlich, in Angola, gegen Sklaven. In der Folge wurden die Matten aufgrund ihres Wertes lokal als Tauschmittel eingesetzt, und noch heute sind sie unverzichtbare Gastgeschenke bei allen Anlässen wie zum Beispiel bei Hochzeiten, Geburten und Jubiläen. Die Gastgeber erhalten so mitunter ein kleines Vermögen, das sie später wieder nach Bedarf veräussern können. Benötigt nämlich jemand für eine Feierlichkeit eine oder mehrere Matten (je nach eigenem Wohlstand), der selber keine hat und auch keine herstellen kann, wird er diese bei jemandem gegen Geld, Ware oder Leistung eintauschen müssen. Design, Ausführung sowie Angebot und Nachfrage ergeben dann den individuell ausgehandelten „Wechselkurs“.

Nirgendwo sonst in Afrika wurden Textilien so meisterhaft gefertigt, zeigen einen so eindrucksvollen, ausgeprägten Sinn für Formen und Muster. Ästhetik und Funktion verschmelzen so zu kleinen Kunstwerken, deren Einfluss auf die moderne Kunst des Westens unverkennbar ist und sich etwa in Arbeiten von Paul Klee, Antoni Tàpies, Keith Haring und anderen offenbart.

Die ausgestellten Matten sind bis zu 30-jährig und können als Kunstwerke aufgehängt, als dekorative Tischdecken verwendet oder zu Taschen und Kissenbezügen weiterverarbeitet werden. Neue Matten werden von der Galerie WALU übrigens heute noch zu einem Wert angekauft, der etwa einem Monatslohn im Herstellerland entspricht.

Dieser Text basiert auf Informationen der Galerie WALU, die seit 1957 mit afrikanischer Kunst handelt. Er wurde von der Peripher-Kuratorin Lisa Ladner editiert und ergänzt. Mehr Informationen: www.shoowa.com.

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Texte und Preisliste als PDF >>

Die Vernissage fand am Freitag, 9. September 2011, 19 - 22 Uhr in Anwesenheit von Momar Seck, Nadja Athanasiou und Anton Rittiner statt. Mit einem Liveauftritt von P-Train (westafrikanische Perkussion). Das Peripher-Team dankt R. W. für den Kuchen zum ersten Peripher-Geburtstag!

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