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En passant - 4. - 29. März 2011


"Mapping Mumbai" von Beat Reck

Bugholz-Garderobe "Polyvalent" von Colette Ochsé/
HSLU - Design & Kunst

"Los Top Five" (aus diesen Ländern wandern am meisten Menschen in die USA aus: Mexiko, China, Indien, Kanada, Philippinen - Stand 2008) von Norma Vila Rivero

"Trophäe" von Yuniic Design

Aus der Serie "Ostsee" von Markus Bertschi
  
   "Source Book"
   von Rod Robinson
Zwischen dem Aufbruch und dem Heimkehren, mit Zeichnungsblock, Kamera und anderen Werkzeugen ausgerüstet. Aufmerksam unterwegs sein und flüchtig vorbeigehen. Werke, die auf Reisen entstanden sind oder sich z.B. mit dem Flur, dem vernachlässigsten aller Wohnräume, befassen.

Mit "Mapping Mumbai" - Reisebildern von Beat Reck, einer kleinen Werkschau von Yuniic Design (Zürich/Malmö), der Bugholz-Garderobe "Polyvalent" von Colette Ochsé, Studentin an der HSLU - Design & Kunst, drei Ostsee-Bildern des Fotografen Markus Bertschi, einem Source Book von Rod Robinson, einer Arbeit zum Thema Auswandern von Norma Vila Rivero und Adele Bachmann's thematisch angepassten Wohninsel, in der u. a. ein Paravent der Collagen-Künstlerin Margie Larmuth zu sehen ist.

In der Rubrik Unser täglich Bild zeigen wir ab dem 4.3. passende Illustrationen von Germaine Egli.


Vernissage
(in Anwesenheit einiger KünstlerInnen und DesignerInnen):
Freitag, 4. März 2011, 19 bis 22 Uhr

Die Ausstellung endet am 29.3.2011. Bitte beachten Sie unser Rahmenprogramm unter Agenda.

En passant-Fotos
(öffentliches Facebook-Album)


Stichworte zu Namen:

Markus Bertschi (* 1970) arbeitete nach seiner Lehre als Fotograf in Basel als Assistent und selbständiger Fotograf in Zürich. 1997 beginnt die Zusammenarbeit mit Hannes Schmied. Zwei Jahre begleitet er dem renommierten Fotografen als Assistent rund um die Welt. Nach seiner Rückkehr aus New York etablierte sich Bertschi als freier Fotograf in Zürich. Er arbeitet für zahlreiche Magazine in In- und Ausland sowie für Design- und Werbeagenturen. Bertschis Werk zeichnet sich durch die Präzision des dokumentarischen Blicks aus. Nicht die Inszenierung steht im Vordergrund, sondern die sorgfältige Beobachtung. Seine Arbeiten waren bereits mehrmals im Peripher und im Januar 2011 an der Werkschau "Photo10" zu sehen. www.markusbertschi.com

Colette Ochsé studiert Objektdesign an der HSLU - Design & Kunst und ist dem Peripher-Team im Rahmen des Projekts "Second Life" u. a. 2010 an der Design + Design im Museum für Gestaltung Zürich aufgefallen. www.hslu.ch/design-kunst

Beat Reck konzipiert, schreibt und gestaltet seit über 15 Jahren für Werbe-, Marketing- und Design-Agenturen sowie für Creative Consultants, Filmproduzenten und Direktkunden. Er hat aber auch schon im Kunstumfeld auf sich aufmerksam gemacht. Als Flaneur ist er selten ohne Skizzenbuch oder Kamera anzutreffen, weshalb er beim Thema "En passant" unser Kronfavorit war. www.wordsandviews.ch

Rod Robinson, 1957 in Kalifornien geboren, lebt in Zürich. Seit 1975 hat er sich mit der Kunst beschäftigt: erst mit Keramik und Skulptur, dann mit Malerei und Zeichnung. 1989 weilte er als Künstler in Scuol (Artist in Residence Binz 39). 1983 begann er mit Ausstellungen, 1995/96 war er Teil des "Zürcher Inventars" im Helmhaus. www.rodrobinson.com

Norma Vila Rivero (* 1982, Puerto Rico) hat 2004 ihr Bachelor-Studium in Massenkommunikation mit Schwerpunkt visuelle Kunst mit Magna Cum Laude abgeschlossen. Kürzlich erlangte sie den Master in Kunstadministration. Sie arbeitete für zahlreiche private Kunstsammler und führende Kunstinstitutionen in Puerto Rico. Derzeit ist sie als Ausstellungskoordinatorin in der Galería de Arte de la Universidad del Sagrado Corazón in San Juan tätig. Vila Rivero organisiert und kuratiert nicht nur Ausstellungen, sie hat in den letzten fünf Jahren auch eigene überzeugende fotografische und installative Arbeiten ausgestellt - hiermit erstmals in der Schweiz. www.normavila.com

Yuniic Design, Christina Primschitz (*1979, Österreich) und Thierry Villavieja (*1974, Schweiz) gestalten seit 2002 gemeinsam einzigarte Möbel und Objekte - seit zwei Jahren nicht nur in Zürich sondern auch in Malmö, Schweden. Das Peripher zeigt neue und ältere Arbeiten, die teils noch auf Produzenten warten. www.yuniic.ch


Texte:

Gedanken zu „En passant“ von Beat Reck: „En passant“, das klingt etwas französisch, etwas nach Flaneur, Parfüm, Strassencafé und flüchtigen Eindrücken. Nicht weiter kompliziert also, alles geht irgendwie vorbei und der Augenblick ist nun mal flüchtig, seufzen hilft da nicht viel. Aber sobald man diesen Augenblick festzuhalten versucht, wird’s komplizierter. Ältere Verfahren stützen sich dabei auf manuelle Techniken wie Skizzieren, Zeichnen, Malen, neuere auf Mikroprozessoren und Speicherkarten.

Die Verfahren könnten gegensätzlicher nicht sein. Während die manuelle Fraktion nicht den Hauch einer Chance hat, der beschleunigten Welt hinterherzuzeichnen, kann die Digital-Technik theoretisch jeden Augenblick festhalten, ein ganzes Leben lang. Das zeichnerische Verfahren ist auf eine Vielzahl von sensuellen, synaptischen, und motorischen Leistungen angewiesen; es ist in vielem unberechenbar, ganz im Gegensatz zum digitalen, das voll auf Rechenleistung setzt.

Und da gibt es noch was: den allseits beliebten „subjektiven Faktor“. Der Begriff gehört absolut hierher, weil er sich in jeder Kunstdiskussion gut macht. Digitale Verfahren haben den fatalen Hang zur Objektivität, zeichnerische Techniken können nicht anders als subjektiv vorgehen, auch wenn sie dabei auf Repräsentanz und Wiedererkennbarkeit setzen. Wer sein Künstlertum forcieren will, stellt gern seine Subjektivität ins Zentrum seiner Arbeit. Das gibt Auftrieb, legitimiert tüchtig, sorgt für Eigenständigkeit und einen Stil“.

Aber jetzt mal ganz praktisch: „En passant“ ist immer anders. Wer an der Ostsee unterwegs ist, an dem gehen die Dinge anders vorüber, als wer in Mumbai im Stau steckt. Kühle Brise gegen feuchtheisse Dieselwolken, weiches Licht gegen beinharte, tiefstdunkle Schatten. Beschauliche Entschleunigung gegen lärmende, hastende, chaotische Menschenknäuel. Sanfte Töne gegen grelle Buntheit. Es scheint „en passant“ ist als Begriff eher eine Betaversion, begrenzt praxistauglich.

Und noch eine Frage: Geht man an den Dingen vorüber oder gehen die Dinge an einem vorbei? Bin ich Passant oder passiert vor meinen Augen beiläufig etwas? „En passant“ eignet sich für spitzfindige Betrachtungen. In diesem Begriff haben sich Raum, Zeit, Subjektivität und Objektivität tüchtig verheddert. Das macht ihn zu einem guten Motto, auch für eine künstlerische Vorgehensweise; er kommt so ganz beiläufig daher, und stellt dann am Ende doch eine Menge hartnäckiger Fragen, die man nicht so en passant beantworten kann.

Beat Reck zu "Mapping Mumbai": Mumbai ist ein paar Nummern zu gross. Die Stadt ist zu vielfältig, zu unübersichtlich, zu unfassbar, als dass sie in irgendeiner Weise zu kartografieren wäre. Doch im Widerspruch liegt der Reiz: Vieles von dem, was ich sehe, verstehe ich nicht, und vieles von dem, was ich durch Lektüre zu verstehen glaube, sehe ich nicht. Zudem: Mal ist es viel zu hell, mal viel zu dunkel, um die Dinge deutlich zu erkennen.

Karten entstehen langsam. Erst eine Küstenlinie, dann vielleicht ein nahes Gebirge, irgendwann etwas Hinterland. So setzt sich das Gesehene zusammen. Wer auf zu Fuss unterwegs ist, sieht nicht mehr als sich ihm zeigt. Wo die Landmasse schliesslich endet, wie ihre Form aussieht – ich habe nicht die geringste Ahnung. Also wächst und wächst der Kontinent Mumbai als ein Konglomerat von Eindrücken und Vorstellungen.

Meine Arbeitsbedingungen sind grosszügig. Kein Druck, das finale Tableau zu komponieren, keine Veranlassung, sich als Künstler aufzuführen. Der Zufall hat freie Hand: Das Zusammenspiel von Licht, Gesten, Haltungen, Farben, Bewegung, Stimmung, Aufmerksamkeit, Lust, Müdigkeit etc. bestimmt, was am Ende aufs Papier kommt. Wie es aufs Papier kommt, ist eher eine Frage des Temperaments und der Fertigkeiten. Alles darf malerisch sein, kaputte Fassaden und fremde Gesichter sind kaputte Fassaden und fremde Gesichter. Nicht weniger, nicht mehr.

Natürlich entsteht das Meiste im Nachhinein. Irgendwo zu sitzen oder zu stehen und zu zeichnen - das ist etwas altmodisch, so war man im 19. Jahrhundert unterwegs, als die Exotik noch fremd und das Gesehene die Daheimgeblieben noch zu verblüffen vermochte. Aber immer mal wieder: Ins Skizzenbuch kritzeln, die fragenden Blicke der Leute ignorieren, nicht weiter ärgern, wenn’s schief geht und alles eigentlich ganz anders ist, als es sich auf dem Papier präsentiert. Im Nachhinein zählt das Gemachthaben, nicht das Gemachte.

Das Gedächtnis ist unzuverlässig. Wenn man es nicht zwingt, allzu präzise zu sein, lässt es sich aber gut damit arbeiten. All diese diffusen Eindrücke, diese ungenauen Konturen, diese ausfransenden Bilder, diese nicht genau bestimmbaren Farben, diese zu schnellen Gesten, diese nur halb erfassten Bewegungen, diese verschwommenen Gestalten. Das ist das Material, aus dem die meisten Bilder sind. Auch wenn der Stift sie mehr oder weniger präzise zeichnet, ungenau sind sie allemal.

Klar gibt es auch das Mumbai der Kamera: eine andere Stadt, die sich aus ganz anderen Bildern zusammensetzt. Fotoessays (PDFs) von Beat Reck: Colors | Transit |Books | Dogs |Good morning | People


Siehe auch Agenda und Inventar

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