Zweierstrasse 176
8003 Zürich
Öffnungszeiten
Themen
Agenda
Inventar
Kontakt

Seelensee - November/Dezember 2010

Weitere Bilder: öffentliches Facebook-Album

Bilder von Wilfredo Mercado

Wenn die Tag kürzer werden, mischen sich die Bräuche: christliche und heidnische, religiöse und kommerzielle. Kürbisse schnitzen, Kerzen anzünden, Gräber besuchen, Freunde bekochen,... Der November beginnt mit "Allerheiligen", einem pragmatischen Fest, an dem wir auch jener gedenken, die keinen eigenen Feiertag haben - heilig gesprochen oder nicht!

Im Peripher spielt das Leben im Diesseits die Hauptrolle. Wir begleiten den puertoricanischen Traum- und Geschichtensammler Wilfredo Mercado, der mit über 50 Zeichnungen den Schwerpunkt in der Montatsausstellung "Seelensee" setzt. Die Werke sind 2010 entstanden und werden nun erstmals ausgestellt. In den Zeichnungen verarbeitet der 35jährige in New Jersey aufgewachsene und in Chicago ausgebildete Künstler Emotionen, die von Gesprächen mit "Zufallsbekanntschaften" hängen geblieben sind. Morgens verlässt er sein tropengrünes Bergstädtchen Villalba und sucht den Kontakt zu Leuten im McCafé an einer der Autobahnausfahrten zwischen San Juan und Ponce. Oder in einer Quartierkneipe, einem Stadtpark, einer Buchhandlung, einem öffentlichen Platz. Mit seiner einnehmenden, interessierten Art bringt er Leute zum Reden - teils über intimste Geschehnisse. Manchmal skizziert er dabei, schenkt die Zeichnung seinen Gesprächspartnern. Dann fährt er zurück in die Berge, springt in den Fluss, der sich durch sein Landstück windet, pflückt eine Frucht vom Baum, kocht sich ein Süppchen aus Wurzelgemüsen oder baut an seinem Atelier mit Blick auf Atlantik und karibisches Meer weiter. Spät nachts kehrt er in sein lottriges Holzhäuschen zurück, das ihm seit seiner Rückkehr nach Puerto Rico als Basis dient, breitet seine Malutensilien aus, überträgt das Gehörte, Aufgestaute, unterschiedlich Verarbeitete mit Wachskreide auf Papier, mit Farbe auf Leinwand oder Holz.

Es sind Seelenbilder von schwebenden, oft geschlechtslosen Wesen, die weder Alter noch Nationalität haben. Aber sie erinnern an jemanden oder etwas - an Engel oder Clowns, an von Kriegen und persönlichen Katastrophen gezeichnete Menschen, die man selber oder aus den Medien kennt. Zwischen Wild Style, Art Brut, Neo-Pop und Neoexpressionismus angesiedelt und an den Landsmann Jean-Michel Basquiat erinnernd, findet man in Mercados Bildern satte Farben auf schwarzem oder papierbelassenem Grund, Piktogramme und Kritzeleien, Wortspiele, unmögliche Posen, Löcher statt Münder, weit aufgerissene Augen, die einen über das Betrachen hinaus verfolgen.

Passend zum Thema haben wir Möbel und Designobjekte ausgewählt. So zum Beispiel von Jürg Ammann (Piuric, Zürich), um dessen Psychiater-Liege/Daybed "LOF" (Bild links) sich Selbsthilfebücher türmen. Oliver Müller (Azimut, Bern, Bild links unten) steuert "Bridge" bei, ein aufs Wesentliche reduziertes Gestell. Adele Bachmanns Wohninsel nimmt neu einen ganzen Raum ein und rückt einen organisch geformten Mosaik- und Glastisch ins Zentrum, ein Unikat von Deff & Deff, Zürich (1994). Karin Schneiders Tintenklecksbilder - ursprünglich für die Schaufensterrubrik "Unser täglich Bild" entwickelt - wecken Rorschachtest-Assoziationen und wurden in die Ausstellung integriert.

Aus alt wird neu, so auch das Motto von Marianne Pletscher, der Gründerin des Labels Frieda Frech, das seit der Peripher-Eröffnung in Wiedikon im Angebot ist. Tagtäglich werden Tonnen von Rohmaterialien verarbeitet, verbraucht und nur teilweise wiederaufbereitet. Aludosen, Zeitungen, Schallplatten, Puppenteile - aus diesen Stoffen produziert Pletscher Unikate, denen in Handarbeit eine neue Seele eingehaucht werden. Zu Pletschers "Puppenlöffeln" passt die zweite 9er-Serie aus Richard Zanggers Fotoarbeit "Strandgut". An die Mittelmeerküste Italiens angeschwemmte Puppen- und Spielzeugreste zeugen von einer weltumspannenden Abfallkultur, der sich der Schweizer Künstler mit Sammlertrieb angenommen hat.

Erstmals in der Schweiz wird im Peripher eine Videocollage von FemLink gezeigt. "Fragility" (2006) enthält 32 Videos von 32 Künstlerinnen und dauert 60 Minuten. Zur Eröffnung von „Seelensee“ spielte der Singer/Songwriter Ranjit Arapurakal (Indien/USA, Bild links) Eigenkompositionen und Adaptionen, die seine Einflüsse von Gaetano Veloso über Sade, Lenny Kravitz bis Curtis Mayfield offen legen. Seine Songs können via iTunes gekauft werden.

Details: Agenda und Inventar



Stichworte zu Namen:

Jürg Ammann hat mit Piuric eine Firma für zeitgenössische Inneneinrichtungen geschaffen. Er entwirft Möbel, Räume und Stoffe. www.piuric.ch

Ranjit Arapurakal (* 1978), indisch-amerikanischer Singer/Songwriter aus Bombay and Brooklyn, ist seinem Herz nach der Lancierung von "Patchwork" und einer Europatourneee in die Schweiz gefolgt und spielt im Peripher unverstärkt. www.myspace.com/ranjitranjit

FemLink produziert seit 2006 mit der Hilfe von Beiträgen von Künstlerinnen aus aller Welt thematische Videocollagen, die bereits in über 28 Ländern gezeigt wurden. Details zur 60minütigen Produktion „Fragility“: www.femlink.org/fragility.html

Wilfredo Mercado (* 1975) ist in New Jersey geboren, hat in Chicago Kunst studiert, arbeitet als Projektleiter in der Mobilfunkindustrie - aber immer nur so lange, bis er wieder Geld fürs Kunstschaffen beieinander hat. Als Erwachsener in die Heimat seiner Eltern und eines Teils seiner Kindheit zurückgekehrt, hat er in Puerto Rico ausgestellt, sowie in der Dominikanischen Republik, in Chicago und nun in Zürich. www.wilfredomercado.com

Oliver Müller steckt hinter Azimut. Seine "Bridge" wurde 2010 für den Berner Design Award nominiert. www.azimut-design.ch

Marianne Pletscher (* 1961) ist Journalistin, ausgebildete Sozialpädagogin und langjährige Leiterin des atelier recyclingart in Zürich. Ihre Upcycling-Objekte entstehen in Zürich. www.friedafrech.ch

Karin Schneider ist Illustratorin, Tango-Lehrerin und steuert laufend Kleinkunstwerke fürs Peripher-Sortiment bei. www.karinschneider.ch

Richard Zangger (* 1953, Zürich), war Kameramann und Fernsehjournalist und lebt heute als Bildhauer und Fotograf in Sabaudia (LT), Italien. www.richardzangger.com

Details: Agenda und Inventar

nach oben