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Sturmzentrum - Oktober 2010

Ein Sturm braut sich zusammen, bewegt sich, entlädt sich. Langsam oder rasant, angekündigt oder überraschend. Er bringt Regen, Winde, Unsicherheit und nicht selten den Tod. So geschehen im Sommer vor fünf Jahren, als der Hurrikan Katrina über Louisiana, Mississippi und Alabama hinwegfegte, 1200 Menschenleben forderte und zum teuersten Sturm in der amerikanischen Geschichte wurde. Vor einem tropischen Sturm herrscht eine seltsame Ruhe. Die Tierwelt schweigt, flieht, die Menschen nageln Bretter vor die Fenster, bleiben, um ihren Besitz zu verteidigen. Dann kommt das Brausen, das Grollen, die Natur zeigt ihre erbarmungslose Seite.

Im Innern des Sturmes bildet sich ein annähernd windstilles Zentrum - das Auge. So schön es aussieht, so gefährlich ist es für Sturmjäger zu erreichen.

"Sturmzentrum" lautet das Monatsthema der zweiten Ausgabe des begehbaren Kulturmagazins Peripher in Alt-Wiedikon. Meteorologische Stürme und Stürme des Lebens, Katastrophen, Gewalt(en) und trügerische Ruhe haben die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler inspiriert.

Dominik Zehnders skulpturale Arbeit "Bubbles & Depressions" besteht aus zwei Fässern, auf deren Bitumen-Oberflächen Blasen und Dellen an die Finanzkrise der letzten Jahre erinnern. Angetrieben von der Ölwirtschaft entstandenen Bubbles auf dem  Immobilienmarkt, verursachten nach ihrem Platzen eine Depression in der Finanzwelt. Sieht man sie im Zusammenhang mit Markus Bertschis grossformatiger Fotografie "Der Beginn einer aufziehenden Front" und Rebecca Zilenzigers eindrücklichen Bildern aus dem zerstörten New Orleans, stellt man auch einen Bezug zur aktuellen Ölpest im Golf von Mexiko her, denn Bitumen ist ein zähflüssiges, schwarzes Erdölprodukt. Farblich leitet Zehnders Werk zu den Bildern von Filip Haag über, der mit fotochemischen Arbeiten und Tuschezeichnungen vertreten ist. Mit Werken, die auch von Stürmen über dem Thunersee inspiriert wurden, jedoch innere Landschaften und Psychostrukturen sichtbar machen.

In einem anderen Raum symbolisieren Lilian Haslers Fischskelette die Vergänglichkeit und die Schönheit des Morbiden. Die mit Motorsägen aus Baumstämmen heraus gelösten und blau bemalten Skulpturen sind wie ein fallen gelassenes Mikadospiel angeordnet und bilden einen Kontrast zu Zehnders zweiten Arbeit, die im Peripher zu sehen ist, zu "Anthropozän". Auf den ersten Blick ein Sedimentgesteinsfund in einer historisch-musealen Vitrine, auf den zweiten "finto marmo", Gips - die Nachbildung eines Beweises von Ablagerungen. Als Anthropozän wird das Erdzeitalter ab ungefähr 1800 bezeichnet, seit mit der aufkommenden Industrialisierung das Einwirken des Menschen auf die Umwelt Dimensionen erreicht hat, die mit natürlichen Einflüssen vergleichbar sind. In diesem Zusammenhang ist auch Richard Zanggers neunteiliger Auszug aus seiner umfangreichen Fotoarbeit „Strandgut“ zu sehen. Zangger hat Schwemmgut festgehalten, vom Mittelmeer an die Strände Sabaudias gespült. Wenn der Wasserpegel steigt, ein Sturm die Wellen peitscht, reisen diese Fundstücke weiter, bis die Plastikteile Sandkorngrösse erreicht haben.

Um bleibende Eindrücke durch Gewalt geht es auch bei Raphael Montañez Ortíz' "Piano Destruction Concert", das er im Whitney Museum gab und das ab DVD zu sehen ist.

Im mittleren Raum und übers Peripher verteilt prangen Bilder unterschiedlichster Form und Art, teils dicht gehängt an den Wänden, darunter Werke von Giovanni Giacometti, Marion Strunk, Héctor Vázquez, Ricardo Morales Hernández, Andrew Vicari, Hannes Portmann, Carmelo Sobrino und Michael Wyss. Den ruhenden Pool im Kabinett bildet Christiane Ruzeks Skulptur "Die Sitzenden".

Zur Vernissage vom 8.10.2010 (19 - 22 Uhr) sind  u. a. Rebecca Zilenziger aus San Juan, Dominik Zehnder aus Thusis, Markus Bertschi aus Zürich und Filip Haag aus Bern anwesend.

Ein begehbares Kulturmagazin
Peripher versteht sich nicht als klassische Galerie sondern als Kulturmagazin. Nebst Positionen aus der zeitgenössischen Kunst sind Designmöbel und -objekte zu sehen, diesen Monat u. a. von Andreas Bechtiger aus St. Gallen. In den Räumlichkeiten von Peripher stehen neue und alte Fundstücke ganz selbstverständlich nebeneinander. So auch in Adele Bachmanns Wohninsel, die sich am Monatsthema orientiert und im Oktober entsprechend stürmisch ausfällt: feinste Karaffen neben zerschlagenem Geschirr, Wohnaccessoires und Kleinmöbel, die noch manchen Stürmen trotzen werden. Im Büchergestell "Staumeile" von Thismade finden sich alte und neue Kunstbücher, frische Zines und Trouvaillen wie "Derrière le miroir" (1946 - 1982, Edition Maeght, Paris) und "Graphis", ein internationales Magazin für visuelle Kommunikation, das 1944 von Walter Herdeg in Zürich lanciert wurde und nun in New Yorker Verlegerhänden ist. Im Peripher finden ausserdem Kurse sowie private und öffentliche Veranstaltungen im kleinen Rahmen statt.

Lisa Ladner, Zürich, 29. September 2010

Einige der beteiligten Personen im „Sturmzentrum“-Monat Oktober :
(weitere Bilder siehe Fotoalbum)

Adele Bachmann, geboren 1968 in Zürich, ist selbständige Art Buyerin und Bildredaktorin und lebt in Zürich. Sie spürt in Zentren und Peripherien auf, was eclectic, vintage, shabby und chic ist und steuert u. a. die monatlich wechselnde Wohninsel bei. www.adelebachmann.com

Andreas Bechtiger, geboren 1977, arbeitete nach dem Studienabschluss an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich für den bekannten Architekten und  Designer Stefan Zwicky, bevor er in St. Gallen ein eigenes Atelier gründete. Für seine Leuchten und Möbel wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. www.bechtiger.ch. Bild rechts: klapp, 2007, CHF 2'450.

Markus Bertschi, geboren 1970, aufgewachsen in der Nähe von Basel, zieht nach seiner Fotografenausbildung nach Zürich, um dort als freischaffender Fotograf und Assistent zu arbeiten. 1997 nimmt er eine Stelle bei Hannes Schmid an und zieht dafür nach New York. In den folgenden zwei Jahren reist er mit Schmid für Fotoaufträge um die Welt. Zurück in Zürich etabliert sich Bertschi als selbständiger Fotograf und arbeitet seitdem für Magazine und Werbeagenturen in der Schweiz und Europa. www.markusbertschi.com. Bild rechts: Beginn einer aufziehenden Front, Fotografie hinter Acryl, 140 x 140 cm, 2007, CHF 3'500.

Filip Haag, geboren 1961 in Bern. Seine Lehr- und Wanderjahre verbringt er in Zürich, Berlin, Köln und am Thunersee. Lange Jahre hat er Kunstgeschichte in Verbindung mit Literaturgeschichte studiert, bevor er sich der Malerei widmete. Er lebt und arbeitet in Bern. www.filiphaag.ch. Bild rechts: Injection 35, Pigmentdruck, 3/5, 100 x 79 cm, CHF 1'850.

Lilian Hasler, geboren 1960 in Aarau, seit 1987 Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer in Schlieren, schrieb Kolumnen für den Tages-Anzeiger, lebt z.Zt. in Zürich und Indien. www.lilianhasler.li

Lisa Ladner, geboren 1969 in Zürich, arbeitete in der Werbung, als Journalistin und als Fernsehregisseurin, bis sie sich vor 14 Jahren in der Internetbranche selbständig machte. Nach Abschluss des MAS Cultural/Gender Studies an der ZHdK intensivierte sie ihre Tätigkeit im Kunst- und Kulturbereich - bis zur Eröffnung von Peripher am 10.9.2010 vor allem in Puerto Rico, wo sie Wurzeln und einen zweiten Wohnsitz hat. www.lisaladner.com

Raphael Montañez Ortíz, 1934 in Brooklyn, NYC geboren. Wir zeigen seine Performance "Piano Destruction Concert", Whitney Museum (DVD, CHF 150).

Christiane Ruzek, geboren 1973 in Winterthur. Nach dem Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Basel absolviert Ruzek eine Ausbildung zur Goldschmiedin und arbeitet in diesem Beruf in Zürich und New York. Ab 1993 Besuch von Modellierkursen und Atelierarbieten in Zürich. Teilnahme an Ausstellungen seit 2001. Bild rechts: Die Sitzenden, 2006, roter Ton, schwarz gefärbt, ca. 40 × 40 × 25 cm, CHF 1'900

Héctor Vázquez, 1958 in Mexiko geboren. Sein grossformatiges Stierkampf-Trainingsbild ist mit CHF 4'500 angeschrieben.

Richard Zangger, geboren 1953 in Zürich. Nach der Ausbildung als Fotograf arbeitet er als Kameramann. Dann wechselt er zum Journalismus, wird Redaktor beim Schweizer Fernsehen. In den 80er-Jahren entdeckt er die Bildhauerei und bezieht ein Atelier in Sabaudia bei Rom wo er heute lebt. Es folgen zahlreiche Ausstellungen mit fotografischen und bildhauerischen Arbeiten in Italien und in der Schweiz.

Dominik Zehnder, geboren 1973 in Baden AG, aufgewachsen im Graubünden, der Bildhauer und freischaffende Künstler lebt in Fürstenaubruck GR mit Atelier in Thusis GR. Bild links: Bubbles & Depressions, 2009. CHF 6'660.

Rebecca Zilenziger, geboren 1965 in Somers Point, New Jersey, USA. Bevor sich die Tochter eines Amerikaners und einer Schweizerin 1991 als selbständige Fotografin in Puerto Rico niederliess, lebte sie in Michigan, Texas, New York, London, Paris und der Westschweiz. Von 1988 bis 1989 war sie Richard Avedons  Assistentin. www.rebeccazilenziger.com. Bild rechts: Pretty in Pink, 2005.

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