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Um Himmels Willen - 20. Mai - 24. Juni 2011

Eine Ausstellung, die Ausrufe des Staunens und Entsetzens entlockt, zum Nachdenken anregt, und wunderbar wunderlich ist.



Ricardo Morales Hernandez - "I as Jonah" (oben) aus der Serie "I as a Biblical Character", "The Garden of my Delights" (unten) und eine Zeichnung aus der Serie "Flower Explotions" (ganz unten).





Monika Reize, "The Sleeping Beauty oder Rosas hundertjähriger Schlaf", 7-teilige Serie, 40 x 40 cm auf Barytapier und Aluminium, limitierte Auflage von 7 Stück, Camera Obscura, 1997



Marianne Pletscher hat die "Sichtbare Trauer" auf Zürcher Friedhöfen dokumentiert (oben) und Reliquien aus Puppenteilen geschaffen (unten).



Hans Rudolf Baers Assemblagen sind lustvoll geschaffene Weltentwürfe.



Calin Dover Tarrats' Serie "Seein' Red" (Mischtechnik, 2010) enthält u.a. Kaffee und wurde im Mikrowellenofen bearbeitet.


Vernissage in Anwesenheit dreier KünstlerInnen:
Freitag, 20. Mai 2011, 19 bis 22 Uhr

Die Ausstellung endet am 24.6.2011.
Bitte beachten Sie unsere Agenda.

Ricardo Morales Hernandez (RMH) hat sanfte Augen, eine ruhige Stimme. Umso hitziger sind die Diskussionen, die man mit ihm führen kann, die Gedanken, die er wälzt. Nicht fanatisch aber höchst engagiert diskutiert er über biblische Themen und christliche Werte, aber auch über künstlerische Strategien und den gnadenlosen Kunstmarkt. Glaube und Zweifel sind das Spannungsfeld, in dem er sich bewegt.

Um sich die Bibel zu erschliessen, versetzte er sich in deren Geschichten. "I as a Biblical Character" zeugt von diesen Auseinandersetzungen. Die Zeichnungen sind weniger idyllisch ausgefallen, als wir es uns von Kinderbibeln gewohnt sind. Er sucht nicht die Illustration sondern das Gefühl, die Beweggründe. Weshalb wich Jona Gottes Befehl aus? Was um Himmels Willen ging ihm durch den Kopf, als er über Bord geworfen, vom Fisch verschlungen, nach dreitägigem Beten ausgespuckt wurde? Wie fühlte er sich, als er die Bewohner von Ninive (im heutigen Irak) doch noch vor der nahenden Zerstörung der Stadt warnte und damit eine Bussbewegung und die Aufhebung des Gerichts auslöste?

Das zentrale Werk der RMH-Retrospektive ist seine Interpretation von Hieronymus Boschs "Der Garten der Lüste" aus dem 15. Jahrhundert. Auf rund 90 x 250 cm vereinen sich die Triptychon-Themen "Der Garten Eden", "Der Garten der Lüste" und "Die musikalische Hölle" auf einem einzigen Blatt, das den Titel "The Garden of my Delights" trägt. Besonders im dritten Teil nimmt sich der Künstler die Freiheit, Boschs Vorlage visuell auszulöschen, Identitäten aufzuheben, die Zerstörung und das Chaos regieren zu lassen - denn so stellt er sich die Hölle vor.

Wer dieses oder ein anderes Werk des 30-jährigen puertoricanischen Künstlers erwerben möchte, ist aufgefordert, ein Gebot abzugeben, das monetär, aber auch ideell, emotional oder in Form von Naturalien sein kann. Ausserdem dürfen die BesucherInnen Ricardo Morales Hernandez mit einer Donation unterstützen um künftige Projekte zu stimulieren. RMH möchte keine fixen Preise mehr neben seinen Werken sehen, sondern eine Diskussion über den Wert künstlerischen Schaffens anregen und es auch weniger begüterten - aber vielleicht sonst talentierten - Menschen ermöglichen, eine Zeichnung zu erwerben. Wir sind gespannt auf die Angebote und auf die Entscheidungen des Künstlers. Dass ihm der Kunstmarkt dennoch wichtig ist, zeigt sich an seinem Wunsch, die Ausstellung parallell zur Art Basel stattfinden zu lassen.

"The Sleeping Beauty oder Rosas hundertjähriger Schlaf" entstand als Folge von Monika Reizes Selbstportraits. Die Idee war, sich in einem unbeobachteten Moment zu fotografieren. Weshalb nicht im Schlaf? Der Schlaf als Moment der Aufgabe der Selbstkontrolle, das Unterbewusstsein sickert in Träumen und Bewegungen durch. Aus technischem Interesse und der gewünschten Zufälligkeit des Resultates hat sie eine Camera Obscura gebaut und damit experimentiert. Die Bilder wurden über Nacht, während bis zu acht Stunden belichtet.

Marianne Pletschers Serie "Sichtbare Trauer" ist eine Dokumentation von Grabdekorationen auf Zürcher Friedhöfen. In der Ausstellung sind auch "Bäbiobjekte" von ihr zu sehen.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, auf Friedhöfen Grabschmuck zu fotografieren?
Eigentlich zufällig. Ich bin auf Friedhöfe gegangen, um verblühte Blumen zu fotografieren und dabei habe ich die Grabbeigaben entdeckt. Ich hab sie nicht gesucht, ich habe sie gefunden.

Haben Dich Kindergräber besonders interessiert oder hast Du dort einfach mehr oder interessanteren Schmuck gefunden?
Auf Kindergräbern hat es eindeutig häufiger und mehr Grabschmuck. Die Kindergräber sind kleiner als die der Erwachsenen und separat für sich. Sie sind oft mit sehr farbigem Spielzeug, Plüschfiguren, Engeln, aber auch Nuggis geschmückt. Die Dinge sind durch den Ort und dem Anlass, weshalb sie sich dort befinden, sehr emotionsgeladen und berührend.

Auf welchen Friedhöfen sind die meisten Aufnahmen entstanden und in welchem Zeitraum?
Ich habe von 2005 bis 2009 auf den Zürcher Friedhöfen fotografiert. Dabei war es mir wichtig, zu allen Jahreszeiten zu fotografieren. Anfangs habe ich mich gewundert, warum im Sommer Schneemännerfigürchen und Osterhasen auf den Gräbern standen. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass die Gegenstände zur passenden Jahreszeit aufs Grab gestellt und dann stehen gelassen wurden. So entsteht diese seltsame Mischung auf den Gräbern.

Keinen Grabschmuck hat es auf den jüdischen Gräbern. Dort hinterlegen die Leute auf dem Grabstein einen kleinen Stein bei ihrem Besuch. Viel Grabschmuck hat es auf den Friedhöfen Sihlfeld, Schwandenholz, Schwamendingen, Manegg, Altstetten und Eichbühl und Höngg. Speziell ist der Friedhof Nordheim. Er hat ein grosses Gemeinschaftsgrab für die Kleinen. Die Wiese ist übersäht mit bunten Windrädern, Figuren aller Art und Plüschtieren. Da hat es mir schon etwas den Atem verschlagen. Ich hatte nicht mit dieser fröhlichen bunten Wiese gerechnet. Auf einer weissen Mauer sind die Namen der verstorbenen Kinder aufgelistet und auf der Mauer stehen lauter kleine Dinge. Einige der an die Mauer gelehnten Plüschtiere sehen schon recht mitgenommen von Wind und Regen. Überhaupt gefallen mir die vergammelten Dinge, bei denen die Farbe abblättert, Ecken abgeschlagen sind, und die schon Moos ansetzen am besten. Sie sind nicht nur Sinnbild für die Vergänglichkeit, sie sind auch selber vergänglich.

Ist Dir während dieser dokumentarischen Arbeit auch einmal ein "Um Himmels Willen" herausgerutscht? Weshalb?
Am Anfang öfters. Ich war geschockt ab der Kitschigkeit der Gegenstände. Ich mag Kitsch sehr, aber so habe ich mir das nicht vorgestellt. Mit der Zeit habe ich gelernt, den persönlichen Ausdruck von den Hinterbliebenen, wie sie ihre Trauer ausdrücken, zu respektieren. Ausserdem war es mir von Anfang an wichtig, dass die Fotos nicht despektierlich sind.

Siehst Du einen Zusammenhang zwischen dieser Arbeit und z.B. Deinen Bäbiobjekten?
Ich mache schon lange verschiedene Dinge mit Puppen. Fotografieren, schmelzen, zerschneiden und jetzt die Bäbilöffel. Auf die Körper der Puppen habe ich angefangen einen Text zu sticken und sie auf Samt in einer bemalten Holzkiste unter Glas mit Blattgoldrand zu legen. Es erinnert an Reliquien und spannt einen Bogen zu den Friedhofsbildern.

Hans Rudolf Baer sucht als Künstler in den Bildern die Abstraktion und in den Objekten die Sinnlichkeit des Figürlichen. In seinen Assemblagen leben alltägliche Fundstücke, die sonst ein kurzes Dasein fristen, als poetische kleine Weltentwürfe weiter. Ob das Gewissen an ihm nagt, als ehemaliger Werber den Konsum angeheizt zu haben? Ob er sich Gedanken über das Fortbestehen der Dinge und der Lebewesen gemacht hat? Am besten fragt man den Erschaffer der ausgestellten Reliquien selber.

Die 4er-Serie "Seein' Red" von Calin Dover Tarrats basiert auf dem im Internet gefundenen Bild einer Protestierenden. "Rot sehen" steht für höchste Erregung, aber auch für eine anti-kapitalistische Haltung sowie für die gleichnamige Punk-Band, die den Künstler, der selber passioniert Lärm und Musik macht, inspiriert hat. Calin finanziert sein Künstlerdasein auf vielfältige Weise, unter anderem als Nachtportier in einem Hotel. Dort steht ihm ein Mikrowellenofen zur Verfügung, der ihn beim Malen zum Experimentieren anregte und dafür sorgte, dass Kaffee und Mikrowellenstrahlen Teil seiner ausgestellten Mixed Media-Arbeiten geworden sind.

Im Möbel-, Accessoires- und Designbereich warten wir mit einigen Trouvaillen auf, zusammengetragen von Adele Bachmann (Wohninsel, u. a. mit der Stehleuchte GLO-BALL von Flos, Qoffee Stools von artificial, einer UFO-förmigen Art Deco-Lampe, Aliens und fliegenden Untertassen) und Lisa Ladner (u. a. Strässle-Sofa von André Vandenbeuck).

Weiterhin erhältliche Publikationen: "Ein kleines Totenbuch" von Martin Frank (Edition Dino Simonett), "Ein Eingeklemmtes" von Andy Fischli (ein besonderes Kochbuch aus dem Pica Verlag), Bastelbögen von Foldpaper und Postkarten aus der Edition Peripher.

Im Schaufenster: Unser täglich Bild von Kristi Moore.


Stichworte zu Namen:

Ricardo Morales Hernandez (* 1980, Bayamon, Puerto Rico) schloss an der Universidad de Puerto in Rio Piedras mit dem Bachelor of Arts in Social Science ab und unterrichtet heute an der Universidad de Puerto Rico in Cayey und an der Escuela Internacional de Diseño, Universidad del Turabo. Als Künstler ist er Autodidakt. Stipendien und Residenzen brachten ihn zum Center of Photography at Woodstock (New York), zur Karrvaz Foundation (Spanien) und zur New England Biolab Foundation sowie zu Arteven (Mexico) und zum Instituto de Cultura Puertorriqueña. Einem breiteren Publikum ist er 2009 mit seiner meisterhaften Installation im Projektraum AREA in Caguas aufgefallen, wo er als Künstler residierte. Im gleichen Jahr nahm er am Wiener Kurzfilmfestival VIS teil. Er arbeitet interdisziplinär in den Bereichen Malerei, Fotografie, Installation, Collage, Poesie, Video und Musik. RMH lebt mit seiner Familie in Cidra, Puerto Rico. www.ricardomoraleshernandez.com (wird derzeit überarbeitet)

Monika Reize (* 1964, Solothurn) hat während vier Jahren die F + F besucht, einen einjährigen Diplomkurs am International Center of Photography in New York absolviert, ebenda als Fotografin und Assistentin gearbeitet und ist seit 1999 als Bildredaktorin in Zürich tätig. In ihren freien Arbeiten interessiert sie die Kunst-, Konzept- und Experimentalfotografie und das Super-8-Filmen. Stipendien und Ausstellungen führten sie ab 1991 nach Prag und New York sowie quer durch die Schweiz. Curriculum (pdf)

Hans Rudolf Baer (* 1937, Zürich) war an der Kunstgewerbeschule in Zürich Schüler von Ernst Gubler und Ernst Keller, arbeitete als Grafiker, Designer, Bühnenbildner und Illustrator in Düsseldorf, Paris und Zürich. Baer lebt in Hottingen, bietet in Wollishofen Malkurse an und hat seine Bilder und Objekte bereits verschiedentlich ausgestellt. www.hrbaer.ch

Marianne Pletscher (* 1961) war Journalistin und Sozialpädagogin. Sie leitete das "atelier recyclingart" in Zürich. Seit 2006 gestaltet sie Textilbilder und wechselte von der Analogfotografie ins digitale Zeitalter. Seit 2010 ist sie Mitglied der GAF 3.10.ZH, die von Nadja Athanasiou geleitet wird. Im Peripher sind nebst Fotografien Reliquien sowie ihre Bäbilöffel und Schallplattenschalen ausgestellt, die sie unter dem Label Frieda Frech produzierte.

Calin Dover Tarrats (* 1969, Bronx, NY) hat ein bewegtes Leben hinter sich. Er diente im Sold der US amerikanischen Armee, verbüsste eine Gefängnisstrafe, weil er "Rot sah" als ein Vorgesetzter seine Soldaten auf unzumutbare Weise behandelte, studierte und lehrt Kunst, war als Sozialarbeiter tätig, füllt Getränkeautomaten auf und schiebt Nachtschichten in Hotelreceptionen, um sich und seinen Sohn durchzubringen. Als Künstler und Musiker ist er bisher nur in der puertoricanischen Off-Szene bekannt, wo er seit 2006 unermüdlich wirkt. Unter www.el-status.com ist sein Curriculum (pdf) abrufbar.


Siehe auch Agenda und Inventar

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